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Wehmut im Herzen

8. Februar 2011 in Reviews

Im Rahmen der „Immer da wo du bist bin ich nie“ Tour gastierten die Romantik Rocker „Element of Crime“ am Montag, den 7. Februar im gut besuchten Monforthaus in Feldkirch.

Element of Crime ist einen Institution. Sven Regener, Leadsänger und Kopf der Band, eine Ikone des deutschsprachigen Rock für die Herzen. Ich übertrieben? Bei Gott nicht, Element of Crime sind aus dem deutsprachigen Rock-Pop Universum genauso wenig wegzudenken, wie „Die Sterne“ oder auch „Blumfeld“.

Seit Jahr und Tag, oder um genauer zu sein seit den 1990er Jahren haben sich die Mannen aus Berlin auf einen entzückend romantischen Weltschmerzsound eingeschworen. Die deutschen Texte sind teils absurd, vertrackt und verwinkelt und erschließen sich nicht gleich beim ersten Hinhören. Humor ist unterschwellig immer vorhanden, die Liebe zur Präzision und Verknappung der deutschen Sprache ihre Leidenschaft. Eine Konstante zieht sich dabei durch ihre Texte: Sie handeln oft von einer verflossenen Liebe oder einer Liebe, die zu scheitern droht. Das beschert den Songs von Element of Crime einen unweigerlichen melancholischen Touch. Ob “Kaffee und Karin“ oder „Deborah Müller“, die Angebeteten haben viele Namen, aber „Am Ende denk ich immer nur an dich“. Das ist typisch. Dass es am Schluss doch ab und zu ein Happy End gibt, ist der Realität geschuldet, denn nicht immer ist Liebe mit Schmerz verbunden, das weiß auch Sven Regener. Regener erzählt Geschichten, und gute noch dazu! Das macht Element of Crime einzigartig. Lichttechnisch traf die romantische Ausleuchtunge der Bühne in Rot-, Orange- und Blautönen zudem genau die Stimmung.

Die Lyrics gingen an diesem Abend allzu oft unter die Haut, gerade wenn die Band ihre Klassiker wie “Wenn der Morgen graut“ auspackte. Weltfragen im Grunde, die hier angeschnitten werden: „Wo ist der Gott, der uns liebt/Ist der Mensch, der uns traut/Kurz vor der ersten Straßenbahn/Sind alle Häuser finster und stumm“.

Getragen vom Midtempo-Sound der Band, den herrlichen Bläsereinlagen und einer über die Seele streichelnden Gitarre hätte man Element of Crime sehr lange zuhören können. Nach 1 ½ Stunden und einigen Zugaben war dann aber Schluss. Zurück bleibt Wehmut, an ein wunderbares Konzert.

Ob eine Bestuhlung für so ein Konzert angemessener wäre, ist wohl Geschmacksache. Auch im Stehen konnte man gut mitschunkeln. Was aber gar nicht ging war das strikte Alkoholverbot im Saal selber. Das Bier gab’s nur an der Bar in Flaschen oder Gläsern, die aber nicht in den Saal mitgenommen werden durften. Diese strenge Verordnung der Stadt Feldkirch trübte das Konzerterlebnis dann doch etwas. An das Rauchverbot haben sich viele bei Konzertveranstaltungen gewöhnt, aber kein gemütliches Bier im Plastikbecher, das ist etwas schräg.

Geboren um zu rocken

23. Oktober 2010 in Reviews

Unheilig begeisterte am 22. Oktober im Event Center Hohenems über 3000 BesucherInnen.

Der Graf, Sänger und Bandleader von Unheilig, ist ein Phänomen. Anders kann man es nicht bezeichnen. Das neue Album „Große Freiheit“, sein theatralisches Auftreten und die Bühnenshow treffen einen ganz bestimmten Nerv der Zeit. Sonst wäre es kaum verständlich, dass diese Band momentan im ganzen deutschsprachigen Raum die größeren Konzerthallen füllt. Unheilig spielte an diesem Abend mit sehr offensichtlichen Symbolen: Die große Freiheit ist ein Schiff, dass über die Weltmeere segelt und leibhaftig Teil der Bühne war, ausgeschmückt mit vielen Kerzen. Ihre Texte handeln offen oder leicht zweideutig von Liebe, Verlust und Schmerz. Aber auch von Vertrauen und Geborgenheit. Gehüllt in Synthiesound und harte Gitarrenriffs ergibt dies einen Klang, durch den auch Rammsein berühmt geworden ist.

Der Graf schafft es jedoch, durch seine Person, seine charakteristisch tiefe Stimme und seine großen Gesten ganz neue musikalische Akzente zu setzen. Viele Mid-Tempo Lieder erzeugen zudem eine eigene Dynamik. Der überaus sympathische Graf suchte den Kontakt zum Publikum, vermittelte eine wohltuende „Wir schaffen das auch wenn die Welt da draußen sehr grausam ist“ Stimmung und erfüllte mit seinen Liedern den Drang nach Freiheit und Einzigartigkeit. „Geboren und zu leben“ ist bis dato nicht nur sein größter Hit, sondern auch DIE Message an seine Fans. Das Leben ist lebenswert, trotz Enttäuschungen und Verluste. Bezeichnend seine Frage während des Konzerts: Wovon träumt ihr?“ Das Konzert, eine Art Traumerfüllung.

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von MineMusig

SVEN REGENER: An einem Donnerstag im Februar

14. Februar 2007 in Interviews

Ohne ihn würde der Band wohl ein entscheidendes Element fehlen. Sven Regener, Sänger von Element of Crime, ist nämlich ein Mann von seltener
Sprachkraft. Seit der Veröffentlichung seiner beiden Romane Herr Lehmann und Neue Vahr Süd eilt ihm der Ruf des neuen Stars der deutschen Literatur voraus.

Warum der Sänger einer Band auch ohne Buchpublikationen im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses steht, mit welchen Gefühlen er
nach vielen Jahren auf seine eigenen Texte zurückblickt und was das alles mit Berlin zu tun hat (nämlich fast nichts&) erklärte Sven
Regener der MusigReview im Interview.
Wo deine Füße stehen, ist der Mittelpunkt der Welt. Wo stehen Ihre Füße gerade?

Naja, die stehen natürlich in meinem Zimmer, aber das heißt nicht, dass da der Mittelpunkt der Welt ist.

Das darf man also nicht so wörtlich nehmen?

Doch, aber nicht in jedem Fall. Bei diesem Lied (Mittelpunkt der Welt, Anm.) schlüpfe ich in die Rolle von jemand, der das zu jemand
anderem sagt. Es geht eigentlich um eine Liebeserklärung. Der Mittelpunkt der Welt kann ja für jeden Menschen woanders sein.
Vielleicht hat man auch gar keinen Mittelpunkt der Welt und kann damit auch fein leben. So ernst würde ich das nicht nehmen.

Ihr Zimmer ist aber immer noch in Berlin, oder?

Ja, ich wohne in Berlin. Die ganze Band wohnt in Berlin bis auf den Bassisten, David Young, der wohnt in London.

Berlin scheint eine wichtige Rolle für Sie als Musiker und Autor zu spielen.

Naja, es sind ja erst zwei Romane geschrieben, der eine spielt in Bremen, der andere in Berlin. Ich hätte auch ein Problem damit, einen
Roman irgendwo spielen zu lassen, wo ich mich gar nicht auskenne. Wenn ich einen Roman sagen wir mal in Bielefeld spielen lassen würde, oder
in München, dann würden mich die Leute dort wahrscheinlich auslachen.
Weil ich einfach zu wenig Ahnung habe von der Stadt. Ich habe bisher in meinem Leben nur in Bremen, Hamburg und in Berlin gewohnt, also kann
ich nur da irgendwie auch einen Roman spielen lassen, habe ich jedenfalls das Gefühl.

Welche Wirkung hat denn Berlin auf Sie als Künstler? Beziehen Sie dort auch Inspiration für Ihre Texte?

Das hat nicht direkt was mit der Stadt zu tun. In den Texten geht es ja nicht um handelnde Subjekte, sondern um Sachen, die mit Menschen zu
tun haben. Aber ich mag die Stadt. Weil sie so schön groß ist, sich hier keiner um den anderen kümmert und man deshalb auch völlig in Ruhe
gelassen wird. Ich wollte immer in einer richtig großen Stadt wohnen, wo eine U-Bahn fährt, wo etwas los ist und man machen kann, was man
will. Das hat natürlich auch seine Nachteile, aber ich mag das. In Berlin lebt man sehr anonym. Man kann was auf die Beine stellen, muss
aber nicht. Berlin ist auf diese Weise schon eine extrem freie Stadt.
Es achtet auch niemand darauf, was der andere macht. Man unterliegt also sehr wenig einer sozialen Kontrolle.

Und die Neurosen der Städter nehmen Sie in Kauf? Oder gibt’s die nur am Land?

Die Neurosen der Menschen in Berlin sind sicher etwas anders gestrickt als die von Leuten im ländlichen Raum. Aber das heißt nicht,
dass es in der Stadt mehr oder weniger neurotische Menschen gibt. Berlin ist schon recht neurotisch, weil alle dicht nebeneinander leben.
Berlin ist ja eine sehr dicht besiedelte Stadt. Das macht die Leute natürlich teilweise auch rasend, gerade im Winter, wenn sie viel
zuhause sein müssen. Ich glaub nicht, dass es hier mehr Neurosen gibt, aber die Neurosenlandschaft ist eine andere.

Dazu kommt noch die Spaltung, die andere Städte nicht betroffen hat.

Sie meinen die Sache mit der Mauer. Es ist schwer zu sagen, wo man das noch spürt, ehrlich gesagt. Ich bin 1982 in den westlichen Teil
gezogen. Heute lebe ich im Osten. Das tritt sich langsam platt.

Seit dem Erscheinen Ihrer Romane scheint die öffentliche Wahrnehmung der Band Element of Crime immer mehr über ihre Person
stattzufinden. Wie gehen Sie damit um als Bandmitglied?

Das war auch davor schon so. Element of Crime war ja keine unbekannte Band, die sich einen Prominenten als Frontmann holt. Die
Band war schon erfolgreich Jahre bevor ich meinen ersten Roman geschrieben habe. Von da her war das nicht so weltbewegend.
Grundsätzlich genießt der Sänger einer Band ja immer größere Aufmerksamkeit als die anderen. Das liegt in der Natur der Sache. Damit
klarzukommen ist für jeden in der Band sehr schwer, vor allem am Anfang. Es ist ja auch eine Kränkung damit verbunden. Man muss sich
aber darüber im Klaren sein, dass es nicht persönlich gemeint ist. Man kann das ja auch gar nicht verändern. Es wäre ein Krampf, zu sagen:
Nein, ruf doch bitte den Gitarristen an für dein Interview.

Das haben wir ursprünglich versucht. Wir wollten auch den anderen in der Band einmal die volle Aufmerksamkeit widmen. Es scheint aber, dass die das gar nicht wollen.

Ja, die wollen das gar nicht so. Ich wäre doch auch froh, wenn ich das nicht machen muss. Es gibt aber auch andere Situationen. Nach
Plattenveröffentlichungen zum Beispiel gibt es richtige Interviewreihen. Da werden den ganzen Tag nur Interviews gegeben, in
verschiedenen Städten. Da sind immer zwei dabei, alleine hielte man das gar nicht aus. Meistens schauen die Leute aber eben auf den Sänger. Das
ist nun einmal so. Wie heißt denn der Schlagzeuger der Red Hot Chilli Peppers? Das ist der ganze Punkt. Wie hieß der Bassist von Nirvana? Das
läuft bei jeder Band so.

Aber es gibt ja auch Bands, da werden die einzelnen Mitglieder stärker wahrgenommen. Wenn man beispielsweise an Led
Zeppelin denkt fällt einem ja nicht nur Robert Plant ein.

Ja, das ist schon richtig. Bei den Rolling Stones fällt einem auch nicht nur Mick Jagger ein. Aber das sind dann Bands, die so berühmt
geworden sind, dass man logischerweise jeden kennt, wie bei den Beatles.

Früher schienen mir die Songs von Element of Crime immer eine willkommene Einladung, im Leid zu schwelgen. Heute muss ich beim Zuhören sehr oft Schmunzeln. Wie nehmen sie selbst Ihre eigenen Songtexte wahr?

Das ist von Song zu Song auch verschieden, die sind ja nicht alle gleich. Manche haben ein eher lustiges Thema, manche sind eher traurig.
Es geht eher darum, ob ein Text gut klingt, ob er schön ist. Ob traurig oder nicht, die Frage stelle ich mir gar nicht. Entscheidend ist, ob
man einen Text auch nach dem zehnten Mal noch singen will. Und ob man noch neue Facetten daran entdecken kann, wenn man wieder einmal darüber nachdenkt. Wie man Songs hört, das ist richtig, ist oft gar nicht so sehr durch den Song bestimmt, sondern durch einen selber, durch die
eigene Interpretation.

Wer schreibt, kennt die Problematik des zeitlichen Abstands zum Geschrieben. Oft will man nach ein paar Jahren gar nicht mehr
glauben, dass was da am Papier steht von einem selbst stammt. Wie geht es ihnen dabei, wenn Sie in der Kiste der Vergangenheit, in alten Texten wühlen?

Das ist eine interessante Sache. Es gibt Texte, die würde ich heute nicht mehr schreiben und es gibt Texte, die würde ich heute wieder
machen.

Bei manchen Texten frage ich mich, wie ich die denn hinbekommen habe. Das braucht aber schon einen sehr großen zeitlichen Abstand, damit man diese Distanz hat, um das beurteilen zu können. Grundsätzlich habe ich ja sehr große Hemmungen, mit etwas an die Öffentlichkeit zu gehen. Da gibt es starke Sperren und Filter. Worüber ich mich eher wundere, ist meine Art zu singen früher. Das hatte damals ein Stück weit etwas Ausbeuterisches. Im Laufe der Jahre habe ich aber festgestellt, dass es mir viel besser gefällt, wenn ich dem Song viel mehr vertraue und nicht so sehr versuche, den gleich noch zu interpretieren und vorzuleben. Also das Schauspielerische rauszunehmen zugunsten des Musikalischen. Von meiner sehr expressiven
Performance auf den ganz alten Platten bin ich manchmal, wie soll ich sagen, etwas peinlich berührt. Aber nur bis zu einem gewissen Grad,
andererseits denke ich mir: Mein Gott, der Typ hat aber echt Eier, so einen Kram zu bringen.