Ohne ihn würde der Band wohl ein entscheidendes Element fehlen. Sven Regener, Sänger von Element of Crime, ist nämlich ein Mann von seltener
Sprachkraft. Seit der Veröffentlichung seiner beiden Romane Herr Lehmann und Neue Vahr Süd eilt ihm der Ruf des neuen Stars der deutschen Literatur voraus.
Warum der Sänger einer Band auch ohne Buchpublikationen im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses steht, mit welchen Gefühlen er
nach vielen Jahren auf seine eigenen Texte zurückblickt und was das alles mit Berlin zu tun hat (nämlich fast nichts&) erklärte Sven
Regener der MusigReview im Interview.
Wo deine Füße stehen, ist der Mittelpunkt der Welt. Wo stehen Ihre Füße gerade?
Naja, die stehen natürlich in meinem Zimmer, aber das heißt nicht, dass da der Mittelpunkt der Welt ist.
Das darf man also nicht so wörtlich nehmen?
Doch, aber nicht in jedem Fall. Bei diesem Lied (Mittelpunkt der Welt, Anm.) schlüpfe ich in die Rolle von jemand, der das zu jemand
anderem sagt. Es geht eigentlich um eine Liebeserklärung. Der Mittelpunkt der Welt kann ja für jeden Menschen woanders sein.
Vielleicht hat man auch gar keinen Mittelpunkt der Welt und kann damit auch fein leben. So ernst würde ich das nicht nehmen.
Ihr Zimmer ist aber immer noch in Berlin, oder?
Ja, ich wohne in Berlin. Die ganze Band wohnt in Berlin bis auf den Bassisten, David Young, der wohnt in London.
Berlin scheint eine wichtige Rolle für Sie als Musiker und Autor zu spielen.
Naja, es sind ja erst zwei Romane geschrieben, der eine spielt in Bremen, der andere in Berlin. Ich hätte auch ein Problem damit, einen
Roman irgendwo spielen zu lassen, wo ich mich gar nicht auskenne. Wenn ich einen Roman sagen wir mal in Bielefeld spielen lassen würde, oder
in München, dann würden mich die Leute dort wahrscheinlich auslachen.
Weil ich einfach zu wenig Ahnung habe von der Stadt. Ich habe bisher in meinem Leben nur in Bremen, Hamburg und in Berlin gewohnt, also kann
ich nur da irgendwie auch einen Roman spielen lassen, habe ich jedenfalls das Gefühl.
Welche Wirkung hat denn Berlin auf Sie als Künstler? Beziehen Sie dort auch Inspiration für Ihre Texte?
Das hat nicht direkt was mit der Stadt zu tun. In den Texten geht es ja nicht um handelnde Subjekte, sondern um Sachen, die mit Menschen zu
tun haben. Aber ich mag die Stadt. Weil sie so schön groß ist, sich hier keiner um den anderen kümmert und man deshalb auch völlig in Ruhe
gelassen wird. Ich wollte immer in einer richtig großen Stadt wohnen, wo eine U-Bahn fährt, wo etwas los ist und man machen kann, was man
will. Das hat natürlich auch seine Nachteile, aber ich mag das. In Berlin lebt man sehr anonym. Man kann was auf die Beine stellen, muss
aber nicht. Berlin ist auf diese Weise schon eine extrem freie Stadt.
Es achtet auch niemand darauf, was der andere macht. Man unterliegt also sehr wenig einer sozialen Kontrolle.
Und die Neurosen der Städter nehmen Sie in Kauf? Oder gibt’s die nur am Land?
Die Neurosen der Menschen in Berlin sind sicher etwas anders gestrickt als die von Leuten im ländlichen Raum. Aber das heißt nicht,
dass es in der Stadt mehr oder weniger neurotische Menschen gibt. Berlin ist schon recht neurotisch, weil alle dicht nebeneinander leben.
Berlin ist ja eine sehr dicht besiedelte Stadt. Das macht die Leute natürlich teilweise auch rasend, gerade im Winter, wenn sie viel
zuhause sein müssen. Ich glaub nicht, dass es hier mehr Neurosen gibt, aber die Neurosenlandschaft ist eine andere.
Dazu kommt noch die Spaltung, die andere Städte nicht betroffen hat.
Sie meinen die Sache mit der Mauer. Es ist schwer zu sagen, wo man das noch spürt, ehrlich gesagt. Ich bin 1982 in den westlichen Teil
gezogen. Heute lebe ich im Osten. Das tritt sich langsam platt.
Seit dem Erscheinen Ihrer Romane scheint die öffentliche Wahrnehmung der Band Element of Crime immer mehr über ihre Person
stattzufinden. Wie gehen Sie damit um als Bandmitglied?
Das war auch davor schon so. Element of Crime war ja keine unbekannte Band, die sich einen Prominenten als Frontmann holt. Die
Band war schon erfolgreich Jahre bevor ich meinen ersten Roman geschrieben habe. Von da her war das nicht so weltbewegend.
Grundsätzlich genießt der Sänger einer Band ja immer größere Aufmerksamkeit als die anderen. Das liegt in der Natur der Sache. Damit
klarzukommen ist für jeden in der Band sehr schwer, vor allem am Anfang. Es ist ja auch eine Kränkung damit verbunden. Man muss sich
aber darüber im Klaren sein, dass es nicht persönlich gemeint ist. Man kann das ja auch gar nicht verändern. Es wäre ein Krampf, zu sagen:
Nein, ruf doch bitte den Gitarristen an für dein Interview.
Das haben wir ursprünglich versucht. Wir wollten auch den anderen in der Band einmal die volle Aufmerksamkeit widmen. Es scheint aber, dass die das gar nicht wollen.
Ja, die wollen das gar nicht so. Ich wäre doch auch froh, wenn ich das nicht machen muss. Es gibt aber auch andere Situationen. Nach
Plattenveröffentlichungen zum Beispiel gibt es richtige Interviewreihen. Da werden den ganzen Tag nur Interviews gegeben, in
verschiedenen Städten. Da sind immer zwei dabei, alleine hielte man das gar nicht aus. Meistens schauen die Leute aber eben auf den Sänger. Das
ist nun einmal so. Wie heißt denn der Schlagzeuger der Red Hot Chilli Peppers? Das ist der ganze Punkt. Wie hieß der Bassist von Nirvana? Das
läuft bei jeder Band so.
Aber es gibt ja auch Bands, da werden die einzelnen Mitglieder stärker wahrgenommen. Wenn man beispielsweise an Led
Zeppelin denkt fällt einem ja nicht nur Robert Plant ein.
Ja, das ist schon richtig. Bei den Rolling Stones fällt einem auch nicht nur Mick Jagger ein. Aber das sind dann Bands, die so berühmt
geworden sind, dass man logischerweise jeden kennt, wie bei den Beatles.
Früher schienen mir die Songs von Element of Crime immer eine willkommene Einladung, im Leid zu schwelgen. Heute muss ich beim Zuhören sehr oft Schmunzeln. Wie nehmen sie selbst Ihre eigenen Songtexte wahr?
Das ist von Song zu Song auch verschieden, die sind ja nicht alle gleich. Manche haben ein eher lustiges Thema, manche sind eher traurig.
Es geht eher darum, ob ein Text gut klingt, ob er schön ist. Ob traurig oder nicht, die Frage stelle ich mir gar nicht. Entscheidend ist, ob
man einen Text auch nach dem zehnten Mal noch singen will. Und ob man noch neue Facetten daran entdecken kann, wenn man wieder einmal darüber nachdenkt. Wie man Songs hört, das ist richtig, ist oft gar nicht so sehr durch den Song bestimmt, sondern durch einen selber, durch die
eigene Interpretation.
Wer schreibt, kennt die Problematik des zeitlichen Abstands zum Geschrieben. Oft will man nach ein paar Jahren gar nicht mehr
glauben, dass was da am Papier steht von einem selbst stammt. Wie geht es ihnen dabei, wenn Sie in der Kiste der Vergangenheit, in alten Texten wühlen?
Das ist eine interessante Sache. Es gibt Texte, die würde ich heute nicht mehr schreiben und es gibt Texte, die würde ich heute wieder
machen.
Bei manchen Texten frage ich mich, wie ich die denn hinbekommen habe. Das braucht aber schon einen sehr großen zeitlichen Abstand, damit man diese Distanz hat, um das beurteilen zu können. Grundsätzlich habe ich ja sehr große Hemmungen, mit etwas an die Öffentlichkeit zu gehen. Da gibt es starke Sperren und Filter. Worüber ich mich eher wundere, ist meine Art zu singen früher. Das hatte damals ein Stück weit etwas Ausbeuterisches. Im Laufe der Jahre habe ich aber festgestellt, dass es mir viel besser gefällt, wenn ich dem Song viel mehr vertraue und nicht so sehr versuche, den gleich noch zu interpretieren und vorzuleben. Also das Schauspielerische rauszunehmen zugunsten des Musikalischen. Von meiner sehr expressiven
Performance auf den ganz alten Platten bin ich manchmal, wie soll ich sagen, etwas peinlich berührt. Aber nur bis zu einem gewissen Grad,
andererseits denke ich mir: Mein Gott, der Typ hat aber echt Eier, so einen Kram zu bringen.