Geboren um zu rocken

23. Oktober 2010 in Reviews

Unheilig begeisterte am 22. Oktober im Event Center Hohenems über 3000 BesucherInnen.

Der Graf, Sänger und Bandleader von Unheilig, ist ein Phänomen. Anders kann man es nicht bezeichnen. Das neue Album „Große Freiheit“, sein theatralisches Auftreten und die Bühnenshow treffen einen ganz bestimmten Nerv der Zeit. Sonst wäre es kaum verständlich, dass diese Band momentan im ganzen deutschsprachigen Raum die größeren Konzerthallen füllt. Unheilig spielte an diesem Abend mit sehr offensichtlichen Symbolen: Die große Freiheit ist ein Schiff, dass über die Weltmeere segelt und leibhaftig Teil der Bühne war, ausgeschmückt mit vielen Kerzen. Ihre Texte handeln offen oder leicht zweideutig von Liebe, Verlust und Schmerz. Aber auch von Vertrauen und Geborgenheit. Gehüllt in Synthiesound und harte Gitarrenriffs ergibt dies einen Klang, durch den auch Rammsein berühmt geworden ist.

Der Graf schafft es jedoch, durch seine Person, seine charakteristisch tiefe Stimme und seine großen Gesten ganz neue musikalische Akzente zu setzen. Viele Mid-Tempo Lieder erzeugen zudem eine eigene Dynamik. Der überaus sympathische Graf suchte den Kontakt zum Publikum, vermittelte eine wohltuende „Wir schaffen das auch wenn die Welt da draußen sehr grausam ist“ Stimmung und erfüllte mit seinen Liedern den Drang nach Freiheit und Einzigartigkeit. „Geboren und zu leben“ ist bis dato nicht nur sein größter Hit, sondern auch DIE Message an seine Fans. Das Leben ist lebenswert, trotz Enttäuschungen und Verluste. Bezeichnend seine Frage während des Konzerts: Wovon träumt ihr?“ Das Konzert, eine Art Traumerfüllung.

Roter Minimalismus

8. Oktober 2010 in Reviews

Bedächtiger Sound von den Mannen von Mose bei ihrer CD Präsentation am 8. Oktober in der Johanniterkirche zu Feldkirch.

Die Absiss der Johanniterkirche in Feldkirch war mit roten und blauen Scheinwerfern spärlich beleuchtet, die Instrumente selbst wirkten vor dem Konzert wie eine Installation, an einem Ort, der sonst nur von Kunstprojekten visueller Natur bespielt wird. Durch den Seiteneingang gelangte man in die Kirche und blickte von der Absiss aus in den dunklen Kirchenraum hinein. Die leere Kirche entwickelte dadurch eine ungeahnte Größe und Erhabenheit, schlicht das richtige Ambiente für ein Konzert von Mose. Was Mose in den folgenden eineinhalb Stunden präsentierte, war nicht nur eine CD-Präsentation sondern vielmehr eine Werkschau ihrer insgesamt sechs Alben.

Langsame, leise Töne und die wehklagenden Gesänge von Thomas Keckeis, Thomas Kuschny und Markus Marte prägten das Set, aber nichts anderes hatte man von diesem Abend erwartet. Schlagzeuger Markus Marte griff dann und wann zum Banjo, Bassist Karl Müllner spielte die Zieharmonika und Leadsänger und Gitarrist Thomas Keckeis spielte auch auf dem Keyboard. Den Minimalismus in der Musik kontrastieren sie so durch unterschiedliche Instrumente und Voiceeffekte auf dem Mikrofon. Dass das neue Album noch ruhiger wie der Vorgänger ist, merkte man deutlich. Erst gegen Ende zogen die Herren von Mose tempomäßig an und brachten noch zwei, drei ältere Kracher.

Erklärungen der Musik bedurfte es von Seiten der Musiker keine, die Lieder flossen nahtlos in ein großflächiges, wunderbares Soundgemälde zusammen, in der ansonst an Bildern kargen Johanniterkirche. Ein spezieller Abend, der unwiederholbar in die Geschichte eingehen wird, sowohl in die der Johanniterkirche als auch in die der Band.

Wüstenrock bei 15 Grad Celsius

5. Oktober 2010 in Albumreviews

Mose ist anders. Das beweist die Vorarlberger Band bei ihrem sechsten, selbstbetitelten Album wieder aufs Eindrücklichste. Die Musiker von Mose bürsten den Zeitgeist konsequent gegen den Strich und bleiben ihrem Sound treu, der aus melancholischen, langsamen Stücken besteht. Sie verweigern sich damit jeglichem Mainstream. Glanzstücke auf dem neuen Album, wie zum Beispiel das tragisch„date with elvis“, sind wohl die beste Zusammenfassung dafür, was Mose ausmacht.

Manchmal wird ihr Sound als Wüstenrock bezeichnet, das bluesige Banjo und die Mundharmonika geben der Musik durchaus einen Westernrock-Anstrich. Die Frage ist nur, wo in Vorarlberg diese Wüste zu finden sei. „Wir spüren die Wüste, wenn wir nach der Probe in der Feldkircher Bahnhofsresti sitzen und um 23 Uhr ist schon Sperrstunde. Das ist sehr traurig“, so Markus Marte, Schlagzeuger der Band.

Für das Artwork der CD zeichnet der freischaffende Harald Gfader verantwortlich, der sich wie Mose „von Vorarlberg inspirieren lässt“. Das Motiv zeigt einige Quadratmeter des gfaderschen Atelierbodens, auf dem legendäre Treffen mit Mose stattfanden. Der Boden dient als Wesensmetapher und stellt einen recht direkten Bezug zum erdigen Mose-Sound her.

Die CD ist umgeben von einer Kartonhülle die wiederum in einem handbedrucktem Holzcase steckt. Jede CD-Hülle ist ein Unikat, das von Menschen der Lebenshilfe angefertigt wurde. „Das ist echte Qualitätsarbeit, sie machen es mit bedacht und langsam und das ist gut so. Die Arbeit ist ein Beitrag zur Entschleunigung, es steckt die Poesie der Hände darin“, so der Künstler Harald Gfader. „In einem Land, in dem Handarbeit meist als etwas Dreckiges gilt, besinnen sich diese Menschen auf das, was sie tun. Hier fängt Kulturarbeit an“. Der Konnex zwischen der Herstellung des Holzcases und der Musik von Mose könnte nicht besser zusammenpassen. Die langsame Musik, die auf nichts als sich selbst hinaus will und die Musiker, die keine Starallüren nötig haben, schaffen ein soziales und kulturelles Gut.

Ihre neue CD präsentierte Mose am 8. Oktober um 20 Uhr in der Johanniterkirche in Feldkirch, „einem Ort, an dem es zu jeder Jahreszeit 15 Grad Celsius hat, also ideal für unsere Musik. Ein wunderbarer Ort.“

Emotionaler Ausnahmezustand

25. September 2010 in Reviews

Die amerikanische Band Eels rockte am 14. September im neuen Event Center Hohenems.

Wer Mark Oliver Everett, im Künstlername schlicht E, Leadsänger der Band Eels, aus den Videos seines vorletzten Albums „End Times“ oder aus seinem Dokumentarfilm „Parallel worlds, parallel lifes“ kennt, weiß, dass er sehr feinfühlig, melancholisch und zerbrechlich sein kann. In seinen langsamen Nummern öffnen sich Gefühlswelten, die man dem bärtigen Mann, Sohn eines berühmten Quantenphysikers, auf den ersten Blick nicht ansehen würde.

Eingehüllt in Kopftuch, Brille und Bart betrat er allein die Bühne. In diese emotionale Gefühlslage des Verlassenenseins beförderte E das Publikum in Hohenems mit seinen ersten drei Songs, zwei davon eben von seinem Album „End Times“, in eine Ausnahmelage. Man spürte förmlich wie die Endzeit gekommen war. Doch dann durchbrach er diesen emotionalen Tiefgang mit knackigem Rock, verstärkt nun durch seine grandios aufspielenden Bandmitglieder. Mit „She said yeah“ von den Rolling Stones und mit „Summer in the city“ von The Lovin Spoonful wurden sie auch ihrem Ruf gerecht, nach Lust und Laune Coversongs zu präsentieren. Der Wechsel zwischen langsamen Songs und Vollgasrock funktionierte in der Folge genauso gut wie das Wechseln der Gitarren, von denen E ausgiebig gebrauch machte. Auch für Überraschungen waren die Eels zu haben. Ihren Allzeit-Klassiker „I like birds“ spielten sie im doppelten Tempo, ganz nebenbei überzeugten die bärtigen Mannen zudem mit genialen Blues-Soli. Ein etwas abrupter Schluss und lediglich eine Zugabe setzten dem hervorragenden Konzertabend leider ein zu frühes Ende.

Der Sound kam im neue renovierten Event Center besonders gut zur Geltung, eine neue Wandverkleidung und ein Hartgummiboden machten es möglich. Atmosphärisch bedeutet dieser Umbau auch ein optischer Zugewinn, fühlt man sich doch durch die Clubstimmung nun sehr gut aufgehoben. Goldlöckchen Alice Gold und der Illusionskünstler Edi 2000 verzauberten im Vorprogramm das Publikum mit rockigem Engelsgesang und schrägem Zauberspektakel.
Eels

Profilbild von MineMusig

von MineMusig

Open Hair – Göfis rocks!

31. August 2010 in Reviews